28.09.2021

30 Jahre Wiedereröffnung

Rentwertshausen - Mellrichstadt
Vor 30 Jahren wurde mit einem großen Festwochenende die Schließung der Lücke zwischen den beiden oben genannten Bahnhöfen sowie die Wiederaufnahme des durchgehenden Bahnbetriebes zwischen Schweinfurt und Meiningen gefeiert. Mit diesem Beitrag wollen wir dieses Jubiläum würdigen.

1871 wurde durch die Königlich Bayerische Staatsbahn der Bahnbetrieb zwischen Schweinfurt und Bad Kissingen aufgenommen. Bereits bei der Planung dieser Linie war auf Weisung der bayerischen Staatsregierung die Errichtung einer abzweigenden Strecke nach Meiningen zu berücksichtigen.
Der Staatsvertrag für die das Königreich Bayern und das Herzogtum Sachsen – Meiningen verbindende Hauptbahn wurde am 21. März 1868 unterzeichnet. Er legte fest, dass der Bahnbau komplett durch die Bayerische Staatsbahn erfolgte und der Betrieb nach der Eröffnung am 15.12.1874 auch durch diese erfolgen sollte. Aus diesen Festlegungen resultierte zum Beispiel, dass der Bahnhof Meiningen lange Jahre ein bayerisches (auf der Südseite) und ein preußisches Bahnbetriebswerk besaß.
Die zunächst eingleisig in Betrieb genommene Strecke erhielt in den Folgejahren ihr zweites Gleis. Dies war unproblematisch, da sie bereits beim Bau zweigleisig trassierte worden war. Grund dafür war der sich rege entwickelnde Verkehr. Zu dessen Steigerung trug auch die am 01.08.1884 eröffnete Strecke Plaue – Ritschenhausen bei. Sie stellte die Verbindung zum Bahnknoten Erfurt her und war infolge der Umgehung von Meiningen nun die kürzeste Verbindung von Berlin in die Schweiz und nach Italien! Diese Bedeutung zeigte sich auch in über die Strecke führende internationale Schnellzüge. Unser Verein ist im Besitz einer Abfahrtstafel des Bahnhofs Zella-Mehlis. In beiden Richtungen findet man hier nachts gegen 3 Uhr Schnellzüge von Berlin nach Mailand bzw. umgekehrt.
Die große Bedeutung der Strecke fand mit der deutschen Teilung ein jähes Ende. Durch die sowjetische Besatzungsmacht wurde der zunächst nach Kriegsende wieder aufgenommene Verkehr unterbrochen und die Schienen abgebaut. Von Schweinfurt fuhren die Züge nur noch zunächst bis Mühlfeld, dann sogar nur noch bis Mellrichstadt. Und von Meiningen nur noch bis Rentwertshausen.
Daran sollte sich über 45 Jahre nichts ändern. Doch mit den politischen Veränderungen in der DDR und der daraus resultierenden Grenzöffnung wurden die Rufe nach Errichtung eines „Lückenschlusses“ immer lauter.
Bereits kurz nach der Grenzöffnung kam es zu ersten Kontakten zwischen den benachbarten Bahndirektionen Nürnberg (DB) und Erfurt (DR). Anfang Juli 1990 gab die deutsch-deutsche Verkehrswegekommission dann „grünes Licht“. Bereits im Spätherbst begannen die Arbeiten, zunächst mit der Rodung des überwucherten Bahndamms. Nicht gerechnet hatte man mit dem schlechten Zustand der zahlreich vorhandenen Durchlässe und Brücken. Bei einigen war sogar ein kompletter Neubau notwendig.
An 2 Stellen wurde auch die Trasse zum Erreichen einer höheren Geschwin-digkeit verändert. Möglich war nun eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h.
Da der September 1991 als Termin der Fertigstellung bereits festgelegt war, man also ein komplexes Baugeschehen benötigte, wurde der Personenverkehr nach Rentwertshausen ab dem 07.01.1991 vorübergehend auf die Straße verlagert.
Im Spätsommer 1991 waren die Bauarbeiten so weit abgeschlossen, dass ein Probebetrieb möglich war und der 28.09. wurde als Eröffnungstermin festgelegt.
An diesem Tag trafen sich die „Honorationen“ der damals noch existierenden beiden deutschen Staaten, um gemeinsam im offiziellen Eröffnungszug die Strecke zu befahren. Aber auch das „gemeine Volk“ hatte Samstag und Sonntag Gelegenheit mit Sonderzügen, welche von Dampf- oder Dieselloks gezogen wurden, aber auch mit Triebwagen, den wiederaufgebauten Streckenabschnitt zu befahren. An den beiden Orten mit den meisten Aktivitäten, in Bad Neustadt und Meiningen, herrschte deshalb regelrechte Volksfeststimmung.

Die damals hochgesteckten Erwartungen, dass die Strecke zu ihrer alten Bedeutung zurückfindet, haben sich leider nicht erfüllt. Zunächst mit Schnellzügen, dann mit deren Nachfolgern den InterRegio wurde zwar die Verbindung nach Berlin wieder aufgenommen. Aber mit elektrischem Antrieb und vor allem unter Nutzung der ebenfalls 1991 in Betrieb genommenen Schnellfahrstrecken Würzburg – Hannover und Hannover – Berlin ist man eben wesentlich schneller in der Bundeshauptstadt.
Es bleibt der Nahverkehr. Er wird mit Triebwagen der BR 612 als Regionalexpress zwischen Erfurt und Würzburg gefahren und ist aufgrund der eingesetzten Neigetechnik mit bis zu 160 km/h unterwegs. Und damit wesentlich schneller als die Schnellzüge vor der Grenzziehung. Dazu kommen noch die Regionalbahnen zwischen Meiningen und Schweinfurt, die mit von der Erfurter Bahn eingesetzten Triebwagen der BR 650 verkehren. Und damit bleibt eine Schlussbemerkung. Kamen nach Streckeneröffnung die eingesetzten Fahrzeuge aus Bayern, so hat sich das jetzt geändert und der Fahrzeugeinsatz (auch in den kommenden Jahren) befindet sich fest in Thüringer Hand.

Manfred Schultz
Das Bauschild für den 5970 Meter langen Bauabschnitt von der Zuständigkeitsgrenze der Deutschen Reichsbahn bis zum Bahnhof Rentwertshausen stand auf dem Bahnhofsvor- platz von Rentwertshausen. Ausgewiesen wurden die am Aufbau mitwirkenden Firmen.
Die alte Strecke überquerte kurz vor der Landesgrenze auf dieser schon lange vor der deutschen Teilung mit einem Stahl - Korsett stabilisierten Brücke das Flüsschen „Grüne“. Beim Wiederaufbau wurde sie durch einen im Damm liegenden Durchlass ersetzt.
Auch für den 4858 Meter langen Streckenteil der Deutschen Bundesbahn gab es ein Bau-schild, dieses stand von vielen unbeachtet zwischen Mellrichstadt und Mühlfeld an der wieder herzurichtenden Trasse.
Das größte Brückenbauwerk der Strecke befand sich auf bayerischer Seite. Zwischen Mühlfeld und Mellrichstadt überquert die Bahnlinie hier die Landstraße und einen kleinen Bach.
Wenige Tage vor der Betriebsaufnahme auf der neuerrichteten Strecke sind im Bahnhof von Rentwertshausen noch umfangreiche Arbeiten im Gange. Im Vordergrund werden gerade Kabelkanäle verlegt, hinter dem Arbeitszug befindet sich der neue Bahnsteig.
Die Grenze zwischen den Zuständigkeitsgebieten der beiden Bahnverwaltungen liegt bei Strecken-Kilometer 57,680 ab Schweinfurt. Diese Grenze ist nicht identisch mit der Landesgrenze zwischen Thüringen und Bayern. Diese liegt weiter in Richtung Thüringen.
Am Vorabend der Wiedereröffnung der Strecke begegnete mir beim Überqueren einer Be-helfsbrücke in der Einfahrt von Ritschenhausen ein aus Rentwertshausen kommender Triebwagen der BR 771. Möglicherweise war das die Abnahmefahrt des DR-Streckenteils.
Die Deutsche Reichsbahn hatte ihren Eröffnungszügen Dampflokomotiven vorgespannt. In der Einfahrt von Rentwertshausen befördert 01 1531 aus Meiningen kommend einen aus langen Halberstädtern gebildeten Sonderzug in Richtung Westen.
Der Eröffnungszug der Deutschen Bundesbahn war mit zwei Maschinen der Baureihe 218 bespannt. Am frühen Morgen rollt er auf dem Weg von Schweinfurt nach Meiningen durch Mittelstreu.
Ein weiterer Sonderzug bespannt mit den Dampflokomotiven 50 245 und 62 015 ist auf dem Weg nach Meiningen. Hier passiert er in voller Fahrt die Gemeinde Oberstreu. Seinen nächsten planmäßigen Halt hat er in Mellrichstadt.
Die Verantwortlichen waren um eine abwechslungsreiche Zugbildung bemüht. So wurden die Zuglokomotiven regelmäßig ausgetauscht. Von Mellrichstadt kommend, befährt 62 015 den zur Erhöhung der Fahrgeschwindigkeit umgebauten Abschnitt kurz vor Rentwertshausen.
Der aus zwei 614/914-Garnituren gebildete Triebzug hat auf seinem Weg nach Schwein-furt soeben die Landesgrenze und auch die Bahnverwaltungsgrenze hinter sich gelassen. Erkennbar ist diese an den Fahnen und der Änderung des Ausbauzustandes der Trasse.
Bespannt mit zwei Lokomotiven der Bundesbahn Baureihe 212 kommt diese „Silberling“-Garnitur hinter Mellrichstadt die wieder aufgebaute Strecke entlang. Sein nächstes Ziel ist Rentwertshausen. Im regulären Verkehr fuhren diese Garnituren später bis Zella-Mehlis.
Schon am nächsten Tag wurde die neue Verbindung für weitere Sonderfahrten genutzt. 18 201 hat in Schweinfuhrt Eisenbahnfans abgeholt und dampft nun mit 132er-Unterstützung am Zugende hinter Salz in Richtung Meiningen.
Veröffentlicht am 13.09.2021